Wie ich meinen Eltern den letzten Nerv raubte

Das Leben, wie man ich es kannte, scheint sich allmählich zu ändern. Hier und da werden (obwohl wir eigentlich noch nichts kaufen wollten) schon Sachen gekauft – wobei wir ja noch nicht einmal wissen, ob beim Krümel ein Henkel dran ist oder nicht. Heute bin ich mit einem guten Freund nichts ahnend ins Fonte gegangen. Einfach nur nachträglich zu seinem Geburtstag ein paar Cocktails schlürfen und etwas essen. Und wen treffen wir? Meine Herzallerliebste und meine zukünftige Schwiegermutter die Gleiches im Sinn hatten. Obendrauf gabs noch ein kleines Präsent, nämlich “Wie ich meinen Eltern den letzten Nerv raubte“.

Es ist ein sehr lustiges Buch, geschrieben aus der Sicht des kleinen Krümels. Und auch wenn es lustig ist – Es macht mir auf die eine Art Angst.
Ich denke, eine kleine Passage kann man hier zum Besten geben.

So, hier bin ich also. Nach den neun Monaten, die ich gerade durchgemacht habe, erwartet mich hoffentlich nur Gutes. Als es ans Pressen ging, beschloß ich, die Sache tapfer hinter mich zu bringen. Aber als ich schließlich auftauchte, wurde ich für meine Unerschrockenheit nicht belohnt: Entsetzen lag auf den Gesichtern, der Ruf “Das Baby schreit nicht” ertönte, und ohne jeden Respekt hielt man mich mit dem Kopf nach unten und versohlte mir den Hintern.
So gab ich ihnen dann, was sie wollten und ließ einen markerschütternden Schrei los. Das gefiel ihnen irgendwie besser. Kaum hatten sie mich verhauen, folgte die nächste Demütigung: Alle interessierten sich wie Besessene für meinen Familienschmuck. Ich vermute, daß sie fast neun Monate darauf gewartet hatten, mein Geschlecht in Erfahrung zu bringen, aber etwas Zurückhaltung hätte ich mir schon gewünscht.
Dann wickelte man mich in eine Decke und schob mich in ihre Arme. “Oh, ist der Kleine nicht süß?” begann sie zu gutten. “Ist er nicht wundervoll?”
Trotz des ganzen Schmalzes war das ein interessanter Augenblick, denn ich bekam zum ersten Mal das gesicht der Frau zu sehen, die für neun Monate mein Wohnmobil gewesen war. Ich muß sagen, daß sie nicht gerade toll aussah. Und war all die Heulerei wirklich nötig?
Nicht, daß sie die einzige gewesen wäre. Über die Schulter hinweg konnte ich die andere Hälfte der Verschwörung sehen – ihn. Er war in einem noch schrecklicheren Zustand: blaß, zitternd, und die Tränen liefen ihm die Backen herunter.
Es scheint, als ob Heulen hier draußen eine Riesensache ist. Und so habe ich laut mitgemacht.
Aber man kann es ihnen nicht recht machen. Noch eine Minute früher waren sie verzweifelt gewesen, weil ich nicht schrie, und jetzt plötzlich mußte ich mir all das “Du mußt nicht weinen, komm, mein Kleiner, nicht weinen, sei ein braver Junge …” anhören.
Was wollen die denn nun wirklich?
Der Rest meines ersten Tages war unglaublich demütigend: Sie haben mein Lebenskabel zu ihr durchgeschnitten, haben mich gewaschen, gewogen und mir eins von diesen labbrigen einteiligen Dingern angezogen. Am Ende der Prozedur bin ich jedoch zu einer wichtigen Erkenntnis gekommen: Meine Eltern sind total abhängig von mir und reagieren auf jede kleine Verhaltensänderung meinerseits.
Offen gesagt, eine wichtige und grundlegende Regel hat sich schon etabliert: ICH BIN DER BOSS.

Und zum Abschluß:

Ein Tag, der hauptsächlich mit Übungen für das Bäuerchen verging. Der Trick besteht darin, nicht dann zu kotzen, wenn man gerade hochgehoben wird und sich auf Augenhöhe mit der Mutter befindet, sondern sich bis zu dem Moment zurückzuhalten, wenn man ordentlich auf ihre Schulter liegt.
Dann heißt es raffiniert sein. Es wird leicht bemerkt, wenn man sich gründlich erbricht. Die hohe Kunst des Bäuerchens besteht darin, einen kleinen Klumpen Halbverdautes unbemerkt aus dem Mund entschlüpfen zu lassen, so daß sie den weißen Fleck auf ihrem dunkelblauen Pullover erst dann bemerkt, wenn sie an einem Spiegel vorbeigeht oder sich im Kaufhaus fragt, warum sie das Gefühl hat, von einem Stück verschimmelten Käse verfolgt zu werden.

Im Buch gibts noch vieles mehr – und je weiter ich lese *mit den Augen roll*. Aber dennoch ist das Buch sehr zu empfehlen – für Werdende, als auch nicht Werdende.

Kommentare2 Comments

  1. Anni sagt:

    Hi Micha,

    ich kann euch auch ein sehr gutes Buch für werdene Eltern empfehlen: “Jedes Kind kann Regeln lernen – Vom Baby bis zum Schulkind – Wie Eltern Grenzen setzen und Verhaltensregeln vermitteln können”.

    Ich lese es gerade und es ist wirklich gut geschrieben und mit Beispielen belegt. Man kann sich das Leben als Eltern auf jeden Fall einfach machen, wenn man Regeln aufstellt…

  2. FireFox sagt:

    Danke für den Tipp Anni,

    ich werde mal bei Gelegenheit mit meiner Holden das Büchlein anschauen :-)

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