Tauss erklärt Bauchschmerzen

Jörg Tauss hat auf eine Frage auf abgeordnetenwatch.de einmal erklärt, wieso seitens der SPD dem Zensursula-Gesetz zugestimmt wurde. Es tauchen darin interessante Dinge auf, die ich persönlich zwar geahnt, aber kaum irgendwo einmal „live“ aus den eigenen Reihen vernommen habe! Ich denke, im Großen und Ganzen spricht das f?r sich …. Gracias …

Sehr geehrter Herr Guenther,

ich versuche mal eine Erklaerung:

Ein grosser Teil der Parlamentarier ist mit dem Internet nicht aufgewachsen. Sie empfinden es daher moeglicherweise sogar als Bedrohung. Sie nehmen es nicht als technisches Netz oder als Kommunikationsinfrastruktur wahr, verstehen nichts von Netzneutralitaet, sondern als etwas, wo man eben Boeses bekommen kann und wo vermeintlich das Boese auch herkommt und die Gesellschaft durchdringt. Das Netz spiegelt nicht Probleme wider, sondern verursacht sie in deren Augen: (in beliebiger Reihenfolge und austauschbar Islamismus, Pornos, Hacker, Bombenbauanleitungen, Terroristen, Rechtsradikale und dann auch noch amoklaufende Jugendliche etc. etc.). Deshalb muss das auch bei uns bekaempft werden, zumal, siehe Olympia, es die Chinesen ja schliesslich sogar vormachen koennen (CSU- Uhl ernsthaft: Bei der Ueberwachung des Internet von China lernen).

Ein weiterer Teil, angefuehrt von durchaus netten Kolleginnen wie Karen Marks und Christl Humme, hat wirklich und ernsthaft die Auffassung, mit dem Gesetz tatsaechlich etwas gegen Pornographie mit Kindern zu tun und fuer missbrauchte Kinder Positives zu bewirken. Das steht seit 15 Jahren schliesslich schon in EMMA und Unicef sagt es auch. Fakten zaehlen da nicht mehr.

Kein (SPD-) MdB kaeme z.B. auf die Idee, zum Gespraech auf einen Bauernhof zu fahren, ohne sich vorher etwas ueber die Milchquote oder dergl. anzulesen oder wenigstens aufschreiben zu lassen. Unter „Internet“ koennen sich aber eben viele immer noch weniger vorstellen als unter einer Kuh. Ein weiterer Teil hat sich daher auf die Aussagen von „Fachleuten“ wie Martin Doermann verlassen, der in der Fraktion von einem „guten Kompromiss“ und „Verhandlungserfolg“ gegen die Union sprach. Dass sich Stasi 2.0 die Haende reibt weiss er nicht, will er nicht wissen, weil es ihm weder die Bundesnetzagentur noch sein Referent so aufgeschrieben haben und nur ueble Lobbyisten das Gegenteil behaupten. Er glaubt denen daher auch nicht, glaubt vielmehr den von ihm verbreiteten Unfug selbst und ist beleidigt, dass ihm die gleichfalls boese „Szene“ wiederspricht und „sein“ Werk nicht auch noch lobt. Er hat mich beim Parteitag sogar noch gebeten, zu helfen, die „Szene“ mal richtig zu informieren.

Und ein anderer Teil hat sich, wie Peter Struck, davor gefuerchtet, ein negatives Medienecho zu bekommen (ueberlegt mal bei einer Ablehnung, was wohl die Zeitungen dazu sagen….). Dieser Teil der Partei, zu dem auch Muentefering gehoert, nimmt die „digitale“ Welt noch allenfalls als eine wahr, in die man preiswert und ohne Portokosten „etwas hinschicken“ kann. Bevorzugt nette Worte ueber sich selbst oder die Partei. Und Obama hat es ja schliesslich auch irgendwie und ganz schick gemacht, auch wenn man gar nicht weiss oder wissen will, was der eigentlich gemacht hat. Aber man will dann doch irgendwie modern sein und twittern oder sonst was schickes, sofern es nicht gerade aus der Fraktion ist oder voreilig das Ergebnis der Bundespraesidentenwahl. Und Sascha Lobo sieht ja trotz allem ganz lustig aus und so, wie man sich diese Internet – Freaks, von denen es ja welche sogar als Waehler (!) geben soll, so vorstellt.

Diese Mischung aus Borniertheit, Uninformiertheit, technischem Desinteresse, der guten Absicht, wenigstens „etwas“ zu tun, Angst vor der BILD- Zeitung etc. fuehrte dazu, dass man weder die Expertenmeinungen noch die Meinungen von 134.000 Petentinnen und Petenten wenigstens in ihrer Mischung zur Kenntnis nahm oder nimmt. Weil es aber doch irgendwie seit ein paar Tagen komisch laeuft, gruendet man jetzt mit Brigitte Zypries wenigstens nachtraeglich noch einen Arbeitskreis.

Ein Kollege hat mir jetzt tatsaechlich geschrieben, er verstehe mich ueberhaupt nicht, wegen „dem bisschen Freiheit“ im Internet die SPD verlassen zu koennen. Dieses Zitat belegt, wie weit die handelnde gesetzgeberische Generation tatsaechlich vom Problem weg ist und keinerlei Sensibilitaet dafuer entwickelt hat, was der systematische technische Aufbau von Zensurinfrastruktur fuer einen freien Staat tatsaechlich bedeuten kann oder bedeutet.

Mit freundlichen Gruessen

Joerg Tauss

Denkw?rdig ..

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6 Antworten

  1. Thomas sagt:

    Und so handeln Leute, die gebildet erscheinen und Führungsqualitäten haben wollen? Halte ich nicht nur für denkwürdig, vielmehr und in erster Linie erschreckend!

    Noch einige Stufen schlimmer sehe ich es an, dass diese Parteien, mit diesem „Denken“ (zwischen SPD und CDU drehe ich die Hand inzwischen nicht mehr um) im Herbst wieder den Rüssel vorne haben werden, gewählt von einer breiten Masse des Volkes das nicht bemerkt in welche Richtung sich dieser Karren bewegt.

    Solange bis das Kind im berühmten Brunnen liegt… und weit weg von diesem Brunnenrand sind wir wirklich nicht mehr!

    • FireFox sagt:

      Das ist das Problem Thomas. Getreu nach dem Motto „3 Schritte vor, 1er zurück“ wird immer weiter die Blase der verbrieften Grundrechte verkleinert. Wenn es nicht Leute gäbe, die dagegen vorgehen würden, hätten wir bereits jetzt schon ein viel größeres Problem. Aber ich denke, selbst dann hätte der Großteil noch nicht begriffen, dass sie bereits ganz tief und ohne Rettungsweste im Brunnen schwimmen..

  2. Thomas sagt:

    @FireFox
    So schlimm es klingen mag und vielleicht auch von Pessimismus geprägt, eine Änderung dieses 3 Schritt vor und 1 wieder zurück System halte ich nahezu ausgeschlossen. Die breite Wählerlandschaft in Deutschland denkt nicht um oder wenn dann erheblich zu spät. Es ist definitiv ein Gesellschaftsproblem, welches diese fortschreitende Entsmündigung von staatlicher Seite her mehr als nur begünstigt.

  3. FireFox sagt:

    @Thomas: Und die Ursache ist nun mal in meinen Augen das immer weiter einschränken in finanzieller, gesellschaftlicher und freiheitlicher Sicht. Je mehr der Freiraum eingeengt wird, um so mehr resigniert der Großteil und gibt den „Kampf“ auf. Am beispiel, von zB. H4 Empfängern war zu sehen, wie groß der Druck der Behörden / Regierung / Gerichte sein kann, dass die eh finanziell gebeutelten Menschen ein weiteres Anstrengen als unnütz erachten (Streichung von Zuschüssen von Rechtsmitteln usw. bei Klagen gegen H4). In solchen Dingen scheint man sehr gut zu sein.

  1. 23. Juni 2009

    […] Wieso seitens der SPD dem Zensursula-Gesetz zugestimmt wurde […]

  2. 13. Januar 2011

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