Persönliches: Papo & Yo – Vater und ich

Ich muss dem SgtRumpel – einem von mir (neben anderen) geschätzten Let’s Player – danken. Eines seiner aktuellen LPs ist „Papo & Yo„, welches ich wirklich sehr gern gesehen habe und … es hat in mir längst Verdrängtes aus meiner Kindheit geweckt. Dinge, die ich selbst verdrängt, vergessen und im Großen und Ganzen so erlebt habe, wie die Haupt-Figur in der Geschichte selbst.

Aufgrund des erfahrenen Flashbacks, möchte ich etwas Persönliches einfach mal loswerden, was ich selbst in meiner Kindheit erlebt und mir widerfahren ist. Mein „richtiger“ Vater – ich nenne ihn explizit so – war Alkoholiker. Es gab kaum einen Moment am Tag, wo er nicht alkoholisiert sein Unwesen trieb. In den seltenen Phasen, wo er n?chtern war, war er ein – so meine Erinnerungen mich nicht tr?gen – lieber und netter Mensch. Er war intelligent, musikalisch begabt, hatte gutes Allgemeinwissen und war engagiert. Es gibt wenige Momente in meinen Erinnerungen, die ich ehrlich gesagt genossen hatte. Nur hatte ich persönlich kaum etwas davon, da die schlechten Erinnerungen und Emotionen all dies ?berschatteten. Es mag f?r den Leser nicht schlimm sein, doch auch zur?ckblickend betrachtet war es f?r mich schlimm – sehr schlimm.

So richtig kann ich mich daran erinnern, als ich ca. 3 bzw. 4 Jahre alt war – also bereits ?ber 30 Jahre her. Ich erlebte, wie meine Mutter mehrfach von ihm im Suff verpr?gelt wurde – wie sie weinte. Ich weiß noch genau, wie ich danach, als er das Haus dann verließ, um in seine Stammkneipe zu gehen (da nichts mehr im Haus war), ich sie tröstete. Er kam die Nacht ?ber auch nicht nach Hause – wer weiß, wo er seinen Rausch ausschlief. Alle 2 Tage wurde ein neuer Kasten Bier gekauft. Einmal die Woche viele kleine und große Flaschen Schnaps und anderes alkoholisches Gedöns. Kleine Fehler meinerseits – Unachtsamkeiten – machten ihn jähzornig. Gekleckert beim Mittag essen: es gab Ohrfeigen. Beim Spielen etwas ?ber die „Norm“ hinaus eingesaut: es gab Schläge auf den Hintern, mit der Hand oder mit dem Hausschuh. Ich war etwas lauter, als normal: Schläge. Und meine Mutter? Sie versuchte sich immer dazwischen zu stellen und die Pr?gel auf sich zu ziehen, was ihr nicht immer gelang in seinem Rausch.

Ich kam in die Schule. Zugegeben: bis heute bin ich kein sonderlich ordentlicher bzw. ordnungsliebender Mensch – zumindest wirkt es f?r einige so. Das kann jeder bestätigen, der mich kannte und kennt. Ich liebe das Chaos, denn darin finde ich mich zurecht. Der unsortiert wirkende Stapel links neben mir ist auch eine Art Ordnung – speziell halt f?r mich. Fr?her gab es die wöchentlichen Notenspiegel – sprich eine Liste von Zensuren, die man wöchentlich von den Eltern unterschreiben lassen musste. Hatte man bei Hausaufgaben geschlampt, wirkte sich das auf die Noten in dem Notenspiegel aus. Turnbeutel, Tuschkasten oder Sonstiges vergessen: schlechter Eintrag. Hausaufgaben nicht ordentlich gemacht: schlechter Eintrag. Damit konnte ich leben. Womit ich nicht leben konnte war die zusätzliche Bestrafung zu Hause. Sehr oft hat meine Mutter den Notenspiegel vorab unterschreiben können, sodass er nichts davon mitbekam.

Irgendwann kam er aber dahinter, entdeckte den von meiner Mutter versteckten Notenspiegel, ärgerte sich, trank fast erneut bis zur Besinnungslosigkeit, verpr?gelte erst sie und dann mich – und das nicht zu knapp. Da kam alles zusammen: G?rtel, Hand, im Raum schubsen, Plastikkrams der herum lag … die Details erspare ich an der Stelle. Ab dann „musste“ er stets kontrollieren. Wenn ich Hausaufgaben machte und der F?ller kleckste: auch wenn es die letzte Seite im Unterrichtshefter war, „durfte“ ich es neu von vorn schreiben. Ja, von vorn – alles. Nachdem ich eine Tracht Pr?gel bekam. Bei jeder Kleinigkeit … so ging es ?ber Jahre, hier und da unterbrochen mit kleinen „Versöhnungsgeschenken“, weil sein Gewissen ihn plagte. Ich war auch gut genug mit Vollmacht in den Konsum zu gehen und f?r ihn seine tägliche Dosis einzukaufen … und fragt mich nicht, wieso das damals klappte. Vielleicht kannten die ihn dort ganz gut.

Als ich ca. 10 Jahre alt war und er erneut mich verpr?gelte, meine Mutter dazwischen ging und er daraufhin sie fast reif f?r das Krankenhaus geschlagen hatte, tat meine Mutter das einzig Richtige: sie zog endlich die Konsequenzen. Tage darauf reichte sie die Scheidung ein. Schlag auf Schlag schien er sich zu verändern. Er trank nicht während des Trennungsjahres – wohnte er doch auch noch in der gleichen Wohnung. Meine Mutter half ihm noch dabei, dass er das auch mit einer Therapie hinbekommt. Ich kann mich nur noch bruchhaft später an das Familien-Gericht erinnern, wo es darum ging, bei wem ich nach der Scheidung leben möchte. Die Entscheidung fiel mir nicht schwer … wir zogen weg – meine Mutter und ich. Zu meinem Vater! Der Mensch, der nach meinem „richtigen“ Vater genau den Platz einnahm, den mein „richtiger“ Vater hätte einnehmen sollen und m?ssen.

2 Jahre später verstarb mein „richtiger“ Vater … er hatte kurz zuvor die Wirtin geheiratet, bei der er in der Vergangenheit stets als Stammgast einkehrte – welch Ironie. An seinem Geburtstag hatte er sich die volle Dröhnung gegeben – gepaart mit seinem Herzfehler eine tödliche Kombi – Herzklappe gerissen.

Warum ich das alles aufschreibe? Um mich zu erinnern, was passierte und was ich erlebt habe. Um daraus zu lernen … und um zu verstehen, was eigentlich geschah und vielleicht auch des Warum. Letztendlich aber auch, um es loszuwerden … ein Mahnmal f?r mich oder ein „Vorbild“ niemals so zu werden, wie er. Und Hilfe anzubieten f?r diejenigen, die sie benötigen, denn sie schaffen es meiner Meinung nach nicht allein. Weder die Kinder, noch …

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